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Autistische Züge erkennen: Definition und Merkmale

Linus Müller, M.A.

Autistische Züge sind die Randzone des Autismus-Spektrums: nicht ganz autistisch, aber auch nicht ganz “normal”.

Neue Studien deuten darauf hin, dass es für jede Person mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum noch eine weitere Person mit autistischen Zügen gibt (z.B. repetitives Verhalten oder Schwierigkeiten in der Kommunikation), die aber die Kriterien für eine Diagnose nicht erfüllt.

Falls Du bei Dir, Deinem Kind oder Partner einige Autismus-Merkmale findest, andere aber nicht zutreffen, ist dieser Artikel für Dich.

Was sind “autistische Züge”?

Autistische Züge sind keine offizielle Diagnose. Menschen mit autistischen Zügen weisen Merkmale des Autismus-Spektrums auf, aber nicht genug, um die Diagnosekriterien zu erfüllen. Ein häufiger Grund, warum keine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum gestellt wird, ist, dass die Besonderheiten der Person ihr Leben nicht wesentlich beeinträchtigen.

Oder dass es von außen so aussieht.

Autistische Züge: nicht ganz autistisch, nicht ganz normal?

Für eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum muss eine bestimmte Anzahl von Kriterien aus verschiedenen Bereichen erfüllt werden, und die Merkmale müssen die Person in einem oder mehreren Lebensbereichen beeinträchtigen.

Siehe dazu: Diagnosekriterien im ICD und im DSM

Es kann aber Menschen geben, die tatsächlich nicht alle Diagnosekriterien erfüllen, die aber trotzdem in manchen Bereichen Schwierigkeiten haben. Die Schwierigkeiten können zum Beispiel in folgenden Bereichen liegen:

  • Schwierigkeiten, soziale Situationen intuitiv zu erfassen
  • Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen
  • Schwierigkeiten, sich in eine Gruppe einzufügen. Kinder sind in der Schule vielleicht Außenseiter.
  • Schwierigkeiten, auf der Arbeit mit Kollegen oder Kunden zu interagieren
  • Schwierigkeiten mit Aktivitäten, bei denen man schnell zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und herwechseln muss (zum Beispiel abwechselnd Rechenaufgaben lösen und sprechen/Antworten geben)
  • Schwierigkeiten, Mimik oder subtile Anspielungen zu verstehen
  • Kleine Veränderungen in der Routine erzeugen großen Stress.
  • Sehr eingeschränktes Interessenspektrum
  • (bei Kindern) signifikante Verzögerung in der Entwicklung oder Sprache

Wie man an der Liste erkennen kann, ist es schwierig zu beurteilen, ob bestimmte Schwierigkeiten noch normal sind oder schon ins Autismus-Spektrum fallen. Viele Menschen haben Hobbys, mit denen sie sich relativ intensiv beschäftigen, und viele Menschen haben Schwierigkeiten, gute Freunde zu finden.

Das Autismus-Spektrum

Manche autistischen Menschen sprechen gar nicht und brauchen Vollzeit-Unterstützung. Andere gehen auf Regelschulen und studieren, scheitern aber vielleicht im Beruf oder leben sozial isoliert. Manche autistischen Menschen haben ihre berufliche Nische gefunden, sind vielleicht Mütter und Väter, finden soziale Kontakte aber schwierig oder anstrengend und die flackernden Neonröhren im Supermarkt unerträglich.

Die Unterschiede sind fließend, und genauso fließend ist der Übergang vom Autismus-Spektrum zur Normalität. Und irgendwo in diesem Graubereich zwischen Autismus und Normalität liegen die autistischen Züge.

Wo man die Linie zieht, ist nicht klar festgelegt. Ein Psychologe diagnostiziert bei einer Person vielleicht das Asperger-Syndrom, während ein anderer lediglich autistische Züge feststellt.

Autistisches Spektrum

Weil Autisten so unterschiedlich sind, haben Wissenschaftler das Autismus-Spektrum in verschiedene Formen von Autismus unterteilt. Dazu gehören der Frühkindliche Autismus (Kanner-Autismus) und der Asperger-Autismus (Asperger-Syndrom), der oft als leichte Form von Autismus beschrieben wird.

Autistische Züge sind keine Diagnose im ICD-10, dem offiziellen Diagnosehandbuch. Damit sagt man lediglich aus, dass die Person einige Merkmale oder Verhaltensweisen hat, die als autistisch gelten.

Mädchen und Frauen

Oft werden autistische Züge bei Mädchen und Frauen festgestellt, die eigentlich die Kriterien für die Diagnose Asperger-Syndrom erfüllen würden. Mädchen und Frauen sind aber oft besser darin, ihren Autismus zu überspielen: Oberflächlich wirken sie normal, darunter verbergen sich große Anstrengungen, um diesen Anschein aufrechtzuerhalten.

Autistische Frauen und Mädchen werden oft nicht als autistisch erkannt. Das ist inzwischen ein anerkanntes Problem, trotzdem ändert sich nicht viel.

Wenn du denkst, dass du oder deine Tochter autistisch seid und eine Diagnose hilfreich wäre, dann lass dich nicht mit autistischen Zügen abspeisen. Suche nach einem Diagnostiker in deiner Region, der auch Mädchen oder Frauen diagnostizieren kann.

Oft sind es auch die Eltern oder Geschwister von autistischen Kindern, die zwar die Kriterien für eine Asperger-Diagnose nicht erfüllen, aber gewisse autistische Verhaltensweisen haben. Ob eine diagnostische Abklärung sinnvoll ist oder nicht, muss man im Einzelfall abwägen.

Eine offizielle Diagnose ist sinnvoll, wenn man bestimmte Formen von Unterstützung benötigt, zum Beispiel eine Ergotherapie, Logopädie, Schulbegleitung, Eingliederungshilfe oder ähnliches. Sie kann aber auch helfen, sich selbst besser zu akzeptieren.

Online-Test

Ob eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum bei dir wahrscheinlich ist, kannst du mit unserem Online-Test feststellen. Den Test gibt es in Versionen für Kinder und Jugendliche (die von den Eltern ausgefüllt werden) und für Erwachsene. Er ist komplett anonym, kostenlos und die automatische Auswertung wird sofort angezeigt.

Ist autistisches Verhalten gleich Autismus?

Autistische Züge: Was ist das?Die Gründe für Verhalten und Empfindungen können ganz unterschiedlich sein. Jemand, der relativ isoliert aufgewachsen ist, negative Erfahrungen mit anderen Menschen hatte, soziale Ängste hat oder einfach sensibel und introvertiert ist, zieht es vielleicht vor, Zeit alleine zu verbringen anstatt auf Partys zu gehen. Manche Besonderheiten wie zum Beispiel Stottern oder Hörprobleme können zu sozialer Isolation beitragen.

Auch das kann ein Grund sein, die Diagnose Autismus nicht zu stellen: Vielleicht sieht der Diagnostiker andere Ursachen für die autistischen Verhaltensweisen.

Wichtig ist es, dass man sich selbst und seine Bedürfnisse (bzw. sein Kind und dessen Bedürfnisse) versteht. Und dann kann man herausfinden, welche spezifische Art der Unterstützung man braucht – nicht immer sind es Therapien. Und dabei können dir die Informationen auf dieser Seite helfen, unabhängig davon, ob alle Kriterien für eine Diagnose erfüllt werden oder nicht.

Ist man allerdings davon überzeugt, dass eine Diagnose aus Autismus-Spektrum richtig und sinnvoll oder notwendig wäre, sollte man darüber nachdenken, einen anderen Diagnostiker aufzusuchen. Denn wie gesagt, jeder zieht die Linie ein bisschen anders.

der Autor

Linus befasst sich seit 2002 mit Autismus. Er verfasste seine Magisterarbeit zu diesem Thema, arbeitete mehrere Jahre für Autismus-Organisationen und gründete 2007 Autismus-Kultur, mit dem Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse und autistische Erfahrungen zusammenzubringen und in verständliche Praxis-Ratgeber zu übersetzen. Linus ist selbst autistisch und Vater.

Buch: Geniale Störung. Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. Steve Silberman
Buch: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein - alles was weiterhilft. Tony Attwood
Buch: Von der Dose bis zur Arbeitsmappe. Ideen und Anregungen für strukturierte Beschäftigungen in Anlehnung an den TEACCH-Ansatz. Heike Salzbacher
Buch: Buntschatten und Fledermäuse. Mein Leben in einer anderen Welt. Axel Brauns
Über Autismus-Kultur

Autismus-Kultur hilft Menschen im Autismus-Spektrum und ihren Familien, glücklicher zu leben: Lösungen, Tipps und Praxiswissen für die Herausforderungen des Alltags, von autistischen Menschen erprobt.
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