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Das Asperger-Syndrom

Colin Müller, M.A. | 12. 01. 2006

Foto von Hans Asperger
Historisches Foto: Hans Asperger

Die erste Beschreibung durch Hans Asperger

1944 veröffentlichte der Wiener Kinderarzt Hans Asperger seine Habilitationsschrift über „Die ‘Autistischen Psychopathen’ im Kindesalter“[1]. Darin beschreibt er die vier Jungen Fritz V., Harro L., Ernst K. und Hellmuth L., um auf ihnen gemeinsame Züge hinzuweisen, die er als charakteristisch für die “autistische Psychopathie” betrachtet. Diese bezeichnet er als “Kontaktstörung” und beschreibt die Sprache und den Blick der Kinder als ungewöhnlich:

[...] die Sprache wirkt auch auf den naiven Zuhörer unnatürlich, wie eine Karikatur, zu Spott herausfordernd. Und noch eins: sie richtet sich nicht an einen Angesprochenen, sondern ist gleichsam in den leeren Raum hineingeredet, so wie meist auch der Blick nicht den Partner trifft und festhält, sondern an ihm vorbeigeht.

Auch bezeichnet Asperger die autistischen Kinder als “arm an Mimik und Gestik”. Ein Kapitel seiner Arbeit widmet er der “autistischen Intelligenz”, zu der er ausführt:

Diese Kinder können vor allem spontan produzieren, können nur originell sein, können aber nur in herabgesetztem Maße lernen, nur schwer mechanisiert werden, sind gar nicht darauf eingestellt, Kenntnisse von den Erwachsenen, etwa vom Lehrer, zu übernehmen: Die besonderen Fähigkeiten und die besonderen Schwierigkeiten dieser Menschen liegen darin begründet – wie denn überhaupt bei jedem Menschen seine Vorzüge und seine Fehler untrennbar zusammengehören.

Als ein weiteres Merkmal der “autistischen Psychopathie” nennt Asperger deren Konstanz:

Schon vom 2. Lebensjahr an sind seine Züge unverkennbar. Sie bleiben durch das ganze Leben bestehen. [...] Die Schwierigkeiten, die das Kleinkind mit dem Erlernen der einfachen Fähigkeiten des praktischen Lebens und mit der sozialen Anpassung hat, kommen aus der gleichen Störung, welche auch die Lern- und Benehmungsschwierigkeiten des Schulkindes zur Folge hat, welche die Berufsschwierigkeiten und die Sonderleistungen des Jugendlichen bewirkt und welche aus den Ehe- und den sozialen Konflikten des Erwachsenen spricht.

Hans Aspergers Arbeit erreichte nur ein kleines Publikum und blieb außerhalb des deutschsprachigen Raums jahrzehntelang völlig unbekannt. Zeitgleich mit Asperger hatte auch Kanner etwas beschrieben, das er “Autismus” nannte – und als Aspergers Arbeit schließlich wiederentdeckt wurde, befand man, dass Asperger und Kanner nicht nur denselben Begriff gewählt hatten, sondern auch etwas sehr Ähnliches beschrieben hatten. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 80er, war das Bild von Autismus geprägt von einem völlig zurückgezogenen, nichtsprechenden und emotionslosen Kleinkind. Lorna Wing, die Aspergers Veröffentlichung wiederentdeckte, war der Ansicht, dass es viele Personen gab, die in dieses Bild nicht hineinpassten, auf die jedoch viele der Charakteristiken zutrafen, die als autistisch beschrieben wurden. Sie beschloss, diese abweichende Form von Autismus zu Ehren von Hans Asperger “Asperger-Syndrom” zu nennen.

? mehr über Hans Asperger

Lorna Wings Wiederentdeckung des “Asperger-Syndroms”

Lorna Wing[2] definierte Autismus als eine “Triade der Beeinträchtigungen” (triad of impairments): als Beeinträchtigung der sozialen Interaktion, Kommunikation und des sozialen Verständnisses.

Das Asperger-Syndrom nach Lorna Wing

Das Asperger-Syndrom nach Lorna Wing

Damals, in den 80ern, war die allgemeine Meinung, dass die meisten Autist_innen “geistig behindert” seien, und dass sie erst spät oder gar nicht zu sprechen anfängen (“hochfunktionaler” Autismus galt als seltene Ausnahme). Wing stellte nun fest[3], dass es Personen gab, die zwar autistische Charakteristika (die genannte “triad of impairments”) aufwiesen, aber schon früh anfingen zu sprechen und deren IQ im normalen bis hohen Bereich lag. Diese bekamen jetzt die Diagnose Asperger-Syndrom. Viele von ihnen gingen auf Regelschulen, studierten oder hatten einen Beruf, lebten alleine oder mit ihrer Familie in einer eigenen Wohnung – kurz, sie entsprachen nicht dem üblichen Vorstellungen einer autistischen Person. Dennoch hatten sie immer wieder Schwierigkeiten im Leben, und Lorna Wing hoffte, dass die Diagnose ihnen helfen würde, Unterstützung zu bekommen, wenn sie solche benötigten.

Das Asperger-Syndrom in den Diagnosehandbüchern

1990 wurde die Diagnose Asperger-Syndrom in die neue Auflage des ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems; Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, herausgegeben von der WHO) aufgenommen, 1994 in das DSM, (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders; Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen). Die beiden Diagnosehandbücher listen eine Reihe von Kriterien für eine Diagnose des Asperger-Syndroms auf:

  • Die Entwicklung der gesprochenen Sprache und des Sprachverständnisses sowie die geistige Entwicklung darf nicht verzögert sein.
  • Die soziale Interaktion ist ungewöhnlich oder beeinträchtigt. Das heißt beispielsweise, dass Blickkontakt, Körperhaltung, Mimik und Gestik nicht zur Steuerung der sozialen Interaktion verwendet werden und solche Signale von anderen nicht verstanden werden, dass keine altersgemäßen Beziehungen zu Gleichaltrigen aufgebaut werden, dass die Reaktion auf die Emotionen anderer Menschen “unzulänglich oder von der Norm abweichend” ist und dass die Person keinen spontanen Wunsch verspürt, mit anderen Menschen Vergnügen, Interessen und Errungenschaften zu teilen (z.B. ein selbstgemaltes Bild zu zeigen).
  • Die Person “legt ein ungewöhnlich starkes, sehr spezielles Interesse oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten an den Tag”. Das kann die intensive Beschäftigung mit einem speziellen Interessengebiet sein, die “sture Befolgung spezifischer, nonfunktionaler Routinen und Rituale”, “stereotype und repetitive motorische Manierismen” wie z.B. das Schnippen oder Drehen der Finger oder komplexe Bewegungen mit dem ganzen Körper, oder auch die anhaltende Beschäftigung mit Teilgegenständen, z.B. mit der Oberflächentextur oder dem Geräusch, das sich damit hervorrufen lässt.

Das ICD bezeichnet zudem motorische Ungeschicklichkeit als häufig, wenngleich sie kein Diagnosemerkmal ist.

Die Entdeckung von “Aspie”

Seit Ende der 90er steigt die Bekanntheit des Asperger-Syndroms stark an. Ein Grund dafür: das Internet. Autistische Menschen gründeten Newsgroups, Foren, Websites und Mailinglisten, um einander kennenzulernen und sich auszutauschen. Dadurch erfuhren immer mehr Menschen vom Asperger-Syndrom, und einige von ihnen stellten fest, dass sie sich in den Beschreibungen wiederfanden. Viele von ihnen störten sich an der negativen Beschreibung des “Asperger-Syndroms”. Liane Holliday Willey prägt in ihrer Autobiografie “Pretending to be normal” 1999 den Begriff “Aspie”.

Einige ziehen Parallelen zwischen Aspies und Geeks/Nerds, denen ebenfalls spezielle Fähigkeiten auf einem umgrenzten Gebiet zugesprochen werden, jedoch wenig soziale Kompetenz. Andere sagten, sie fühlten sich wie Außerirdische auf dem falschen Planeten – sie seien nicht defekt, aber die Kommunikation mit den Erdlingen sei schwierig.

Asperger-Syndrom

Vor diesem Hintergrund schrieben Carol Gray und Tony Attwood ihren Artikel “Die Entdeckung von Aspie“. Im Gegensatz zu einer Diagnose “bezieht sich der Begriff Entdeckung auf die Stärken und Talente einer Person”. Statt von “qualitativen Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion” sprechen Gray und Attwood von “qualitativen Vorteilen in der sozialen Interaktion” und nennen Punkte wie “Beziehungen zu Altersgenossen geprägt von absoluter Loyalität und untadeliger Zuverlässigkeit”, “drückt eigene Gedanken ungeachtet des sozialen Zusammenhangs aus oder hält an persönlichen Überzeugungen fest” oder “hört ohne ständiges Urteilen oder Unterstellungen zu”. Durch diese neue Perspektive hoffen Gray und Attwood die Reaktionen anderer auf Aspies zu verändern. Als hilfreiche, überdachte Reaktionen nennen sie den Fokus auf das Potential der Person statt auf die Schwächen, sinnvolle Bestätigung sowie Entgegenkommen und Akzeptanz statt Arroganz. Auch Tony Attwoods bekannte Bücher zum Asperger-Syndrom sind durch diese positive Herangehensweise geprägt und werden dafür sehr geschätzt.

Das Autismus-Spektrum

Heute wird der Begriff “Asperger-Syndrom” zunehmend kritisiert, weil er den Eindruck erweckt, als gäbe es eine scharfe Trennung zwischen “Autismus” und dem “Asperger-Syndrom”. Das Verständnis von Autismus ist heute ein anderes als in den 80er Jahren, und sowohl in der Autismus-Community als auch in der Wissenschaft wird zunehmend vom “Autismus-Spektrum” gesprochen. Autist_innen bemängeln, dass die Auftrennung in Autismus und Asperger wenig mit ihren Lebensrealitäten zu tun hat und dass sie der Community schadet. Auch Forscher_innen sehen immer mehr die Gemeinsamkeiten, die fließenden Übergänge und die sehr individuellen Lebensläufe, Stärken und Schwächen autistischer Personen. In der nächsten Ausgabe der Diagnosehandbücher wird deshalb der Begriff “Asperger-Syndrom” vielleicht wieder verschwinden zugunsten eines Autismus-Spektrums-Konzepts[4].

Die meisten aktuellen Theorien sehen Autismus als eine genetisch bedingte, neurologische Störung. Viele Autist_innen, die sich gegen Pathologisierung wehren, lehnen das Konzept “Störung” ab und sprechen statt dessen von “neurologischen Unterschieden” und “neurologischer Vielfalt”.

Bücher zum Asperger-Syndrom

Wer sich intensiver mit dem Asperger-Syndrom beschäftigen möchte, dem empfehle ich, neben den Büchern von Tony Attwood einige Autobiografien von Menschen im Autismus-Spektrum zu lesen, z.B. von den Aspies Daniel Tammet oder Dawn Prince-Hughes.

Fußnoten

  1. ? Asperger, H.: Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 1944, 7. Online verfügbar bei neurodiversity.com.
  2. ?
    Wing, L., Gould, J. (1979). Severe impairments of social interaction aud associated abnormalities in children: Epidemiology and classification. Journal of Autism and Childhood Schizophrenia, 9, 11-29.
  3. ?Wing, L. (1981). Asperger’s syndrome: A clinical account. Psychological Medicine, 11, 115-130. Auch online verfügbar.
  4. ?Entwurf für DSM-V, 299.0 Autistic Disorder.

Bildnachweise

  • Foto von Hans Asperger: Wikimedia Commons
  • Abbildung von Lorna Wings Triad of Impairments: Rechte bei Autismus-Kultur, Weiterverwendung mit Link auf Autismus-Kultur gestattet.
  • Das Original des Katzenfoto ist von Nicola Centenaro und steht unter einer Creative-Commons-Lizenz. Modifiziert von Autismus-Kultur und weiterhin unter Creative Commons Lizenz gehalten. Weiterverwendung der modifizierten Version nur mit Hinweis auf Fotografin sowie einen Link zu Autismus-Kultur.
  • Autistic Pride Bild: Rechte bei Autismus-Kultur, Weiterverwendung mit Link auf Autismus-Kultur gestattet.
  • Abbildung der Bücher: Public Domain

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