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Das Asperger-Syndrom

Geschrieben von Colin   
Donnerstag, 12 Januar 2006

Klinische Bezeichnungen:

  • Asperger-Syndrom
  • Asperger-Störung
  • Asperger-Autismus
  • High-Functioning-Autismus
  • Autismus-Spektrum-Störung

Du kennst sogenannte sogenannte "Menschen mit Asperger-Syndrom" vielleicht als:
Geeks, Nerds, Exzentriker, zerstreute Professoren, Einzelgänger, Spezialisten, "schüchtern", "komisch", "von einem anderen Planeten" ... oder Aspies.

Das Asperger-Syndrom bedeutet, dass das Gehirn anders aufgebaut ist und dass man deshalb Welt anders wahrnimmt als die meisten Menschen. Nicht falsch, nur anders. Das Asperger-Syndrom ist keine Krankheit, sondern ein neurologischer Unterschied. Obwohl die Begriffe, mit denen das Asperger-Syndrom beschrieben wird (Syndrom, Störung usw.) pathologisierend sind, ist es richtiger zu sagen, das Asperger-Syndrom ist eine andere Art zu sein. Ein Teil menschlicher Vielfalt.

Das Asperger-Syndrom hat einige charakteristische Merkmale:

  • eine ungewöhnliche Wahrnehmungsverarbeitung
  • eine ungewöhnliche soziale Interaktion
  • eine ungewöhnliche Art der sozialen Kommunikation
  • Schwierigkeiten, nicht-autistische Menschen zu verstehen
  • häufig motorische Ungeschicklichkeit

Ungewöhnliche Wahrnehmungsverarbeitung:

  • Die Wahrnehmungsverarbeitung kann (verglichen mit der der Durchschnittsbevölkerung) eine höhere Sensibilität, eine niedrigere Sensibilität oder beides umfassen.
  • Häufig ist eine höhere Sensibilität gegenüber:
  • Lärm - z.B. plötzlicher, durchdringender Lärm; schrille, kontinuierliche Geräusche (z.B. von vielen elektrischen Geräten); sehr viele Geräusche durcheinander (z.B. im Supermarkt)
  • Berührung - manche Autist_innen mögen es generell nicht, berührt zu werden, manche mögen unerwartete Berührungen nicht, bei manchen sind bestimmte Körperbereiche besonders empfindlich, z.B. die Kopfhaut oder die Handgelenke. Häufig sind auch Abneigungen gegen bestimmte Kleidungsstücke aufgrund von sensorischen Problemen. Manche Autist_innen mögen keine leichten Berührungen, finden festem Druck aber angenehm. Temple Grandin entwarf aus diesem Grund ihre "Hugbox" oder "Squeeze Maschine", deren kräftiger Druck sie entspannte.
  • Geschmack - viele Autist_innen sind sehr wählerisch mit dem Essen.
  • visuellen Reizen - grelles Licht, grelle Farben, zu viele visuelle Reize auf einmal, Neonlicht, flackerndes Licht
  • Gerüchen - z.B. Parfüm, Deodorants, Putzmittel etc.

Eltern von autistischen Kindern sehen diese Sensibilitäten manchmal als ein Verhaltensproblem an, doch das sind sie nicht. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass Überempfindlichkeiten keine Einbildung sind, sondern sehr real. Wenn ein Autist überempfindlich ist gegenüber einem bestimmten Nahrungsmittel, z.B. aufgrund dessen Geschmack oder Konsistenz, dann es dieses Nahrungsmittel eben tatsächlich unerträglich für ihn oder sie. Und wenn ein Kind plötzlich "grundlos" anfängt zu schreien (und oft selbst den Grund noch nicht nennen kann), dann sollten Eltern auf die Suche nach einer möglichen Quelle unerträglicher Reize machen. Vielleicht surrt irgendwo ein Elektrogerät?

Weniger auffällig sind niedrige Sensibilitäten, oft gegenüber Kälte oder Schmerzen. Auch wenn ein Autist_in in Gedanken oder in ein Buch vertieft ist, ist er oder sie vielleicht "wie taub" für den Rest der Welt, was auch immer passiert.

Ungewöhnliche soziale Interaktion:

  • Autist_innen übersehen oft soziale Signale wie z.B. Gesichtsausdrücke, Körpersprache und Tonfall oder verstehen sie nicht.
  • Aspie-Kinder haben meist Schwierigkeiten, mit Gleichaltrigen (Nicht-Aspies) zu interagieren. Diese haben meist andere Interessen und eine andere Art der Kommunikation - deshalb fehlt eine gemeinsame Basis für eine Freundschaft. Aspie-Kinder spielen deshalb oft lieber mit jüngeren oder älteren Kindern oder halten sich unter Erwachsenen auf.

Kommunikation

Viele der Unterschiede beziehen sich auf die Art und Weise, wie Autist_innen mit anderen kommunizieren. Ihre Art der Kommunikation ist eher direkt und das hat verschiedene Folgen: Weil Nichtautist_innen indirekte Kommunikation meist als Höflichkeit sehen, sehen sie Autist_innen oft als unhöflich und taktlos. Autist_innen sagen, was sie denken, anstatt "um den heißen Brei herumzureden". So etwas wie "Dinge sagen, ohne sie zu sagen" gibt es für sie nicht. Umkehrt interpretieren Nichtautist_innen manchmal in die Aussagen von Autist_innen etwas hinein, was darin nicht enthalten war. Sie sind es nicht gewohnt, dass jemand genau das meint, was er oder sie sagt und nicht mehr und haben deshalb Schwierigkeiten, Autist_innen zu verstehen. Oft können sie nicht glauben, dass es keine versteckte Bedeutung gibt, oder dass die Kommentare, die sie als grob und unverschämt empfanden, tatsächlich hilfreich gemeint waren. Das verursacht viele Missverständnisse und weil Nichtautist_innen in der sozial und kulturell dominante Postition sind, haben Autist_innen dabei meist das Nachsehen.

Autist_innen interpretieren Sprache so, wie sie sie selbst verwenden: wörtlich und exakt. Sie "lesen nicht zwischen den Zeilen". Manche (aber keineswegs alle) Autist_innen haben Schwierigkeiten, Redewendungen und Ironie zu verstehen. Andere verwenden diese Konzepte selbst häufig. Die meisten Menschen aber verwenden Sprache in einer unklaren und mehrdeutigen Weise, bei der nur aus dem Kontext klar wird, was gemeint ist. Genauigkeit und Klarheit sind Kennzeichen der Sprache von Autist_innen. Autist_innen verwenden häufig eine formale Sprache in der Alltagskommunikation, wo andere Menschen Umgangssprache verwenden.

Autist_innen interessieren sich meist nicht für die soziale Hierarchie einer Gruppe. "Cool sein" und "Image" sind Dinge, die Autist_innen im Allgemeinen nicht kümmern. In der Schule werden Kinder oft von anderen gehänselt, die dadurch ihr eigenes Ansehen steigern wollen. Autist_innen sehen meist keine Notwendigkeit, ihr Image zu verbessern, schon gar nicht dadurch, dass sie andere schlechtmachen und verstehen auch nicht, warum andere das tun. Sie tun meist das, was sie tun wollen, ohne sich darum zu kümmern, ob es "cool" ist oder nicht. Leider führt das oft dazu, dass sie in der sozialen Hierarchie ganz unten landen und gemobbt werden.

Oft heißt es, dass Autist_innen lieber allein sind. Das stimmt so aber nicht. Zwar brauchen die meisten Autist_innen einige Zeit am Tag für sich allein, aber meistens wollen sie nicht die ganze Zeit allein sein. Sie wollen Freunde und mit anderen zusammen sein, haben aber oft eine lange Reihe schlechter Erfahrungen mit der Interaktion mit anderen Menschen gemacht, aus den beschriebenen Gründen. Es ist nicht so schwer zu verstehen, warum viele Aspies schüchtern sind und/oder sich lieber von anderen fernhalten.

Ein weiterer Aspekt der autistischen Persönlichkeit ist das Fokussieren auf ein spezielles Interessensgebiet. Autist_innen neigen dazu, sich auf ein spezifisches Thema zu konzentrieren und dieses Interesse sehr intensiv zu verfolgen. Den Eifer und die Begeisterung, mit der sie sich ihrem Thema widmen, werden NTs so nie erleben. Jedes denkbare Thema kann zum Interessesgebiet werden, von Computern über Heizungsrohre bis hin zu mittelalterlicher Dichtung. Manchmal dauert ein Interesse jahrelang an, manchmal nur ein paar Wochen.

Autist_innen neigen dazu, sehr sensibel auf Sinnesreize zu reagieren. Laute Geräusche, helle Lichter, starke Gerüche oder unerwartete Berührungen können einen "Overload" verursachen. Bestimmte dauerhafte Geräusche, wie z.B. verschiedene Stimmen, die durcheinanderreden, können sehr anstrengend sein. Autist_innen bevorzugen häufig ruhige Umgebungen mit gedimmten Licht. Manche tragen Ohrstöpsel und Sonnenbrillen, um sich gegen zu viele Reize abzuschirmen. Art und Ausmaß der Reizempfindlichkeiten sind von Autist_in zu Autist_in sehr unterschiedlich.