Für ein glückliches Leben im Autismus‑Spektrum

Was ist Autismus?

Autistische Menschen haben Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion – zum Beispiel fällt es ihnen schwer, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen und zu verstehen. Ihre Kommunikation und Wahrnehmungsverarbeitung unterscheiden sich von der nicht-autistischer Menschen.

Autistische Menschen sind sehr unterschiedlich. Die Fähigkeiten autistischer Menschen unterscheiden sich graduell: Manche sprechen nicht und sind in ihrem Verhalten auf dem ersten Blick auffällig, andere wirken wie typische Computer-Nerds und sind vom Durchschnittsmenschen nicht als autistisch erkennbar.

Deshalb spricht man auch vom Autismus Spektrum.

Du erfährst hier mehr über:

Autismus ist genauso sehr ein Teil der Menschheit wie die Fähigkeit zu träumen.

Kathleen Seidel

Merkmale von Autismus

Autismus sieht man Menschen nicht an. Autistische Menschen unterscheiden sich aber in mehreren Bereichen von nicht-autistischen Menschen. Am auffälligsten sind ihre Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen.

Was ist Autismus?

Die Infografik basiert auf einem Bild von smarnad/depositphotos.com.

Die Autismus-Merkmale sind bei jeder autistischen Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Wir erläutern sie hier genauer:

Schwierigkeiten im sozialen Verständnis

Ich finde es schwierig zu erraten, was andere denken. Ich denke manchmal nicht daran, dass sie Sachen nicht wissen können, weil ich nichts davon erzählt habe.

—Hendrick

Soziales Verständnis (soziale Vorstellungskraft) ermöglicht es uns, das Verhalten anderer zu verstehen und vorherzusagen, abstrakte soziale Konzepte zu verstehen und uns soziale Situationen vorzustellen, die außerhalb unseres Alltags liegen.

Menschen im Autismus-Spektrum finden es oft schwierig, sich vorzustellen, was andere Menschen denken oder fühlen.

Schwierigkeiten im Bereich des sozialen Verständnisses bedeuten, dass es Menschen im Autismus-Spektrum vielleicht schwerfällt…

  • …die Gedanken, Gefühlen und Handlungen anderer Menschen zu verstehen. Das verursacht oft Missverständnisse und Irritationen bei anderen Leuten und macht es für autistische Menschen schwierig, in eine Gruppe “hineinzupassen”.
  • …die ungeschriebenen Regeln zu verstehen, die die meisten Leute intuitiv erkennen.
  • …vorherzusagen, was als nächstes passieren könnte
  • …bestimmte Gefahren zu erkennen
  • …”So tun als ob”-Spiele zu spielen; manche autistischen Kinder spielen solche Spiele zwar, aber sie ziehen es vor, immer wieder die selben Szenen zu spielen
  • …zu erkennen, dass andere Menschen nicht automatisch den selben Wissensstand haben wie sie selbst (‘Theory of Mind’)
  • …sich auf Veränderungen einzustellen und für die Zukunft zu planen
  • …sich in neuen oder ungewohnten Situationen zurechtzufinden.

Wichtig zu verstehen ist, dass autistischen Menschen die Gefühle anderer nicht gleichgültig sind. Sie finden es einfach schwierig, diese Gefühle zu erkennen.
Auch sollte man Schwierigkeiten im Bereich der sozialen Vorstellungskraft nicht verwechseln mit Phantasie und Kreativität. Viele Autisten sind sehr kreativ und manche arbeiten als Künstler, Musiker oder Autoren.

Viele autistische Menschen können ihre Probleme im sozialen Verständnis zu einem gewissen Grad durch ihren Verstand kompensieren. Sie lernen durch Beobachten und Nachdenken Annahmen über Gedanken und Gefühle anderer zu machen. Das fühlt sich dann ungefähr so an, als müsste man auf einer Party ständig nebenher komplexe Mathematik-Aufgaben lösen… es ist anstrengend. Und auch autistische Menschen, die darin relativ gut sind, haben Schwierigkeiten, die Feinheiten komplexer Gruppendynamiken zu erkennen, wie sie zum Beispiel hinter einer sozialen Hackordnung, Mobbing und Intrigen stecken. Auch deshalb werden Menschen im Autismus-Spektrum oft Opfer solcher Vorgänge.

Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion

Körpersprache ist für mich wie Chinesisch; ich verstehe kein Wort davon.

—Christoph

Manche Menschen im Autismus-Spektrum sprechen gar nicht, andere haben einen großen Wortschatz und reden “wie ein Wasserfall”. Aber alle haben Schwierigkeiten mit den sozialen Aspekten der Kommunikation.

Autistische Menschen haben Schwierigkeiten, nonverbale und paraverbale Kommunikation zu verstehen.

Zur nonverbalen Kommunikation zählen:

  • Blickkontakt
  • Gesichtsausdruck
  • Körperhaltung
  • Gestik
  • Abstand zum Gegenüber
  • Berührungen
  • Kleidung

Zur paraverbalen Kommunikation gehören:

  • Tonfall
  • Prosodie (z.B. Sprachmelodie, Satzakzent, Intonation)
  • Lautstärke

Außerdem fällt es autistischen Menschen schwer, nicht wörtlich Gemeintes zu verstehen, zum Beispiel:

  • Ironie, Witze und Sarkasmus
  • Anspielungen
  • Redewendungen
  • Metaphern

Auch haben sie oft Probleme, unpräzise Sprache, die aus dem sozialen Kontext heraus erschlossen werden muss, zu verstehen.

Zum Beispiel kann der Satz “Wo kommst du her?” fragen, wo jemand gerade herkommt – war die Person beim Supermarkt, im Sportverein oder bei einem Freund? In einem anderen Kontext kann der Satz danach fragen, wo man geboren wurde. Autistischen Menschen kann es schwerfallen, zu erkennen, was gemeint ist.

Alle dieser Schwierigkeiten sind graduell: Die meisten Menschen im Autismus-Spektrum erkennen zum Beispiel einen breit lachenden Mund, aber viele haben Mühe zu bestimmen, ob der Mensch fröhlich lacht, gezwungen lächelt oder hämisch grinst. Und Emotionen, die nicht so offen gezeigt werden, sind sind für die meisten autistischen Menschen sehr schwer zu lesen.

Aber es geht nicht nur ums Verstehen – Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Menschen im Autismus-Spektrum haben auch Auffälligkeiten in ihrer eigenen Kommunikation und Interaktion.

  • Manche sehen ihr Gegenüber nicht an, wenn die mit ihm reden. Andere haben gelernt, dass sie Blickkontakt halten sollen, und starren regelrecht. Sie benutzen Blickkontakt nicht oder kaum zur Kommunikation.
  • Oft vermitteln sie durch Körperhaltung oder ähnliches andere Signale, als sie senden wollen.
  • Sie halten vielleicht zu viel oder zu wenig Abstand zum Gegenüber.
  • Einige Menschen im Autismus-Spektrum sind distanzlos und berühren andere, ohne zu verstehen, dass es unerwünscht oder sozial unangemessen sein könnte.
  • Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten einzuschätzen, welche Kleidung angemessen ist.
  • Sie sprechen oft zu laut oder zu leise.
  • Manche sprechen sehr monoton, oder mit einer auffälligen Prosodie.
  • Manche reden sehr wenig, manche sehr viel – sie sprechen vielleicht in epischer Breite von ihren Interessensgebieten, ohne ihr Gegenüber zu Wort kommen zu lassen oder dessen Signale der Langeweile zu bemerken.
  • Manchmal wählen sie unpassende Gesprächsthemen oder unpassende Bemerkungen. Diese können für das Gegenüber verletzend sein (“Du bist aber dick!”), sind aber im Allgemeinen nicht so gemeint, sondern lediglich z.B. als sachliche Feststellung.
  • Sie scheinen oft unsensibel, weil sie nicht erkennen, wie jemand anderes sich fühlt. Und wenn sie es erkennen, wirken z.B. ihre Versuche, jemanden zu trösten, eher ungeschickt.
  • Sie verbringen oft lieber Zeit allein als mit anderen Menschen.
  • Sie scheinen sich oft “seltsam” oder unangemessen zu verhalten, weil es schwierig für sie sein kann, Gefühle oder Bedürfnisse auszudrücken.

Menschen im Autismus-Spektrum verstehen nicht unbedingt, dass man mit Freunden anders interagiert als mit Fremden, innerhalb der Familie anders als am Arbeitsplatz. Und jene, die wissen, dass man sich anders verhält, haben Probleme, die Feinheiten der unterschiedlichen Kommunikation zu verstehen und in der jeweiligen Situation anzuwenden.

Manchmal fühle ich mich, als wäre ich auf einem fremden Planeten gelandet und muss die Gepflogenheiten mühsam lernen.

—Linda

Diese Schwierigkeiten können es erschweren, Freundschaften zu schließen und aufrechtzuerhalten. Viele Autisten hätten gern Freunde, sind sich aber unsicher, wie sie dabei vorgehen sollen. Auch Partnerschaften können eine Herausforderung sein.

Arbeitsplätze, die komplexe soziale Interaktion verlangen (z.B. Verhandlungen, Teamwork) bereiten autistischen Menschen oft große Schwierigkeiten.

Sprache

  • Manche Autisten sprechen gar nicht. Sie benutzen alternative Formen der Kommunikation, z.B. Tippen, Bildkarten oder Gebärdensprache. Es ist durchaus möglich, dass eine nicht-sprechende Person genau versteht, was andere sagen.
  • Manche haben begrenzte sprachliche Fähigkeiten, z.B. kommunizieren sie, indem sie wiederholen, was andere gesagt haben (Echolalie).
  • Manche autistischen Menschen haben gute sprachliche Fähigkeiten und haben lediglich Schwierigkeiten mit den sozialen Aspekten der Kommunikation (siehe oben). Diese Form von Autismus wird auch Asperger-Syndrom genannt.

Andere Wahrnehmungsverarbeitung

Die Gehirne von Menschen mit Autismus filtern Reize anders und nehmen deshalb Geräusche, Berührungen, Geschmack, Gerüche, Licht oder Farben intensiver oder schwächer war.

Einige Beispiele sind:

  • Überempfindlichkeit gegenüber Licht (“zu grell”)
  • Schwierigkeiten, ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln
  • laute Geräusche als leise wahrnehmen und leise Geräusche als laut
  • Synästhesie

Meistens sind es sensorische Empfindlichkeiten, die im Alltag Probleme machen. Zum Beispiel kann es schwierig sein, an belebten Orten ein Gespräch zu führen, wenn man die Hintergrundgeräusche nicht ausfiltern kann. Die Reizüberladung verursacht Stress, Erschöpfung, Frustration, Angst oder sogar körperlichen Schmerz.

Manche Personen mit Autismus haben eine Unterempfindlichkeit gegenüber manchen Reizen. Sie nehmen z.B. Kälte oder Schmerz weniger stark wahr. Manche schaukeln, drehen sich, oder klatschen in die Hände, um angenehme Reize zu schaffen, unerwünschte Reize besser ausfiltern zu können, oder mit Stress umzugehen.

WahrnehmungsverarbeitungManche Menschen im Autismus-Spektrum haben Schwierigkeiten, auditive Reize zu verarbeiten, d.h. sie hören das Gesagte zwar, tun sich aber schwer, die Wörter und Informationen zu erkennen.

Menschen mit Problemen in der Wahrnehmungsverarbeitung finden es oft schwieriger, den Tiefensinn, die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu entwickeln. Dieser Sinn sagt uns, wo unser Körper sich im Raum befindet; für Menschen mit einer reduzierten Körperwahrnehmung kann es also schwieriger sein, durch einen Raum zu gehen, ohne irgendwo anzustoßen, eine angemessene Distanz zu anderen Menschen zu wahren oder feinmotorische Fertigkeiten wie das Binden von Schnürsenkeln oder eine schöne Handschrift zu erlernen.

Untypische Lernwege, Problemlösungen und Fähigkeitsprofile

Zum Beispiel lernen manche Menschen mit Autismus “schwierige” Aufgaben (z.B. Differentialrechnung) bevor sie “einfache” Aufgaben lernen (z.B. Addieren). Die Lernstile autistischer Menschen können sich von denen nicht-autistischer Menschen unterscheiden.

Intensive, oft sehr spezielle Interessen

Viele Menschen im Autismus-Spektrum haben ein intensives, leidenschaftliches Interesse an bestimmten Themen, oft von sehr jungem Alter an. Bei der Beschäftigung mit ihrem Interessengebiet zeigen sie ein höchst fokussiertes Denken.

Die Interessen können sich im Laufe des Lebens verändern oder immer gleich bleiben. Sie können sich auf jegliches Thema beziehen, von Mathematik bis Ballett, von Kunst bis Eisenbahnen, von Türknäufen bis Schneeeulen, und von Politik bis zu kleinen Schnipseln Glanzpapier.

Durch meine künstlerische Tätigkeit bin ich ein Teil der Gesellschaft geworden. Wenn ein autistischer Mensch etwas gut kann, sollte man das ermutigen und fördern.

—Susann

Manche Autisten arbeiten später in ihrem jeweiligen Interessenbereich, für andere bleibt er ein Hobby.

Diese “Spezialinteressen” können manchmal ungewöhnlich sein. Eine autistische Person sammelte z.B. gern Müll und Gerümpel. Mit etwas Ermutigung wurde daraus ein Interesse an Recycling und Umweltschutz.

Atypische, manchmal repetitive Bewegungen

Das schließt “Stimming” (“Stereotypien”) mit ein, zum Beispiel mit dem Oberkörper zu schaukeln oder mit den Händen zu wedeln. Diese Bewegungen können auch unauffällig sein, wie z.B. das wiederholte Klicken mit einem Kugelschreiber oder sich immer wieder mit der Hand durch die Haare zu streichen. Viele (auch nicht-autistische) Menschen zeigen solche Bewegungen zum Beispiel, wenn sie unsicher oder gestresst sind.

Auch Schwierigkeiten mit der Feinmotorik und/oder der Grobmotorik sind bei Menschen im Autismus-Spektrum, besonders beim Asperger-Syndrom, häufig.

Bedürfnis nach Beständigkeit

Für Menschen mit Autismus scheint die Welt oft ein unvorhersehbares und verwirrendes Chaos zu sein. Weil sie Schwierigkeiten haben, vorherzusagen, was in einer sozialen Situation passieren könnte, ziehen sie es oft vor, wenn jeder Tag gleich abläuft. Abweichungen bringen Unsicherheit. Diese Alltagsroutinen können z.B. heißen, dass sie jeden Tag exakt die selbe Strecke zur Schule oder zur Arbeit nehmen, oder jeden Tag dasselbe Frühstück essen.

Eine Urlaubsreise kann für autistische Menschen z.B. mit mehr Ängsten als Vergnügen verbunden sein, und wenn in der Schule eine Stunde ausfällt, kann der Bruch der üblichen Routine autistischen Schülern Stress bereiten.

Auch Regeln spielen für viele Menschen mit Autismus eine große Rolle: Wenn sie einmal gelernt haben, wie man etwas “richtig” macht, werden sie vielleicht zögern, das nächste Mal eine andere Herangehensweise zu wählen. Und manche autistischen Menschen bevorzugen eine ganz bestimmte Ordnung in ihrem Zimmer oder ihrer Wohnung, und verbringen viel Zeit damit, alles entsprechend anzuordnen.

Aber auch wenn Menschen im Autismus-Spektrum sich beim Gedanken an Veränderungen zuerst nicht wohl fühlen, können sie damit zurechtkommen, wenn man sie vorher darauf vorbereitet.

Formen von Autismus

Autismus wird manchmal unterteilt in verschiedene Formen: Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, High-Functioning-Autismus und Atypischer Autismus.

Diese Aufteilung ist relativ willkürlich. Inzwischen geht die Wissenschaft dazu über, Autismus als Spektrum zu sehen. Denn:

  • Zwischen dem einzelnen Autismus-Formen gibt es keine klaren Grenzen, sondern fließende Übergänge.
  • Ob man das Autismus-Spektrum in 2, 3, 4 oder 17 Formen unterteilt, ist relativ willkürlich.
  • Eine Person kann zu einem Zeitpunkt “low-functioning” sein und zu einem anderen “high-functioning” – übrigens sind das Begriffe, die wir lieber abschaffen würden.

Wir stehen der Unterteilung von Autismus in verschiedene Formen sehr kritisch gegenüber. Aber viele Leute wollen wissen, was zum Beispiel mit “frühkindlichem” oder “atypischen” Autismus gemeint ist.

Deshalb haben wir hier eine Übersicht dazu erstellt:

Formen von Autismus

Diagnose Autismus-Spektrum-Störung

Nach dem Diagnose-Handbuch der WHO, dem ICD-10, zählt Autismus zu den “Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen”, welche die Kennziffer F84 tragen:

  • Frühkindlicher Autismus (Kanner-Autismus) wird unter F84.0 geführt.
  • Asperger-Autismus (Asperger-Syndrom) trägt die Ziffer F84.5.
  • Der atypische Autismus bekam die Ziffer F84.8.

Unter F84 werden noch weitere andere Diagnosen aufgeführt, die nicht zum Autismus-Spektrum gehören, beispielsweise das Rett-Syndrom (F84.2). Eine Differentialdiagnose kann andere Probleme ausschließen.

Vereinfacht gesagt haben Personen mit frühkindlichem Autismus eine Verzögerung der Sprachentwicklung, Personen mit Asperger-Syndrom dagegen fangen früh an zu sprechen. Von hochfunktionalem Autismus spricht man, wenn im Kindesalter die Sprachentwicklung verzögert ist, aber gute kognitive Fähigkeiten vorhanden sind. Atypischer Autismus wird diagnostiziert, wenn entweder die Autismus-typischen Verhaltensmuster erstmalig nach dem dritten Lebensjahr zu beobachten sind, oder nicht alle Symptome von Autismus zutreffen.
Nach DSM-5 (DSM-IV) werden frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und atypischer Autismus nicht mehr einzeln diagnostiziert, sondern eine “Autismus-Spektrum-Störung“.

Mediziner und Psychologen sprechen nicht nur von der “Autismus-Spektrum-Störung” (ASS), sondern auch von einem “Störungsbild”, “qualitativen Beeinträchtigungen” und “komorbiden Störungen”. All das klingt für Personen mit Autismus und ihre Eltern erschreckend, düster und abwertend. Tatsächlich konzentriert sich die Diagnose auf die Schwächen von Autisten.

Wie würde z.B. das Asperger-Syndrom aussehen, wenn wir die Stärken und Fähigkeiten beschreiben würden? Das zeigen Tony Attwood und Carol Gray in ihrem Artikel “Die Entdeckung von Aspie” – ein Grundlagen-Artikel zum Asperger-Syndrom mit einer ganz anderen Perspektive.

Therapien und Unterstützung

Bei Therapien muss man unterscheiden: Manche versprechen, Autismus zu “heilen” – aber Autismus ist nicht heilbar, Autismus ist nicht einmal eine Krankheit, und viele Autisten wollen auch nicht geheilt werden. Dementsprechend hat bisher keine dieser sogenannten “Therapien” ihr Versprechen eingelöst.

Was autistische Menschen eigentlich brauchen, sind auf sie zugeschnittenen pädagogische Angebote. Kurz, sie brauchen Möglichkeiten zu lernen, und zwar so zu lernen, wie sie es gut können.

  • Viele Menschen im Autismus-Spektrum haben Stärken im visuellen Lernen (aber nicht alle). TEACCH ist eine Methode, die diese Stärken nutzt.
  • Manche Angebote können autistischen Menschen helfen, Dinge zu lernen, die andere Menschen intuitiv verstehen. Dazu zählt zum Beispiel das Erlernen sozialer Kompetenzen.
  • Sensorische Integrationstherapie kann zum Beispiel bei Problemen mit der Reizverarbeitung helfen.
  • Alternative und unterstützte Kommunikation kann autistischen Menschen helfen, zu sagen, was sie brauchen, wollen und denken.

Das sind Formen der Unterstützung, die viele Autisten brauchen.

Ursache von Autismus

Die Ursachen von Autismus sind noch nicht vollständig erforscht. Man weiß heute, dass Gene eine wesentliche Rolle spielen – und davon gibt es einige: Über 1000 Genvarianten werden mit Autismus in Verbindung gebracht. Einzeln, in Kombination miteinander oder mit nicht-genetischen Faktoren können sie Autismus verursachen. Mehr darüber erfährst du unter Autismus-Ursachen.

Wie sehen Autisten die Welt?

Viele Menschen im Autismus-Spektrum sagen, dass die Welt für sie eine verwirrende Masse an Menschen, Orten und Ereignissen ist, die für sie oft keinen Sinn ergeben und teilweise auch Ängste verursachen. Manche fühlen sich, als wären sie auf dem falschen Planeten gelandet. Viele waren bereits mit unangenehmen sozialen Erfahrungen wie z.B. Mobbing konfrontiert, und sind deshalb unsicher und vorsichtig geworden im Umgang mit anderen Menschen.

Besonders die Beziehungen zu anderen Menschen sind für sie Schwerstarbeit. Während andere Menschen intuitiv wissen, wie sie mit anderen kommunizieren und interagieren, müssen autistische Menschen es lernen wie eine Fremdsprache. Die zusätzliche Energie, die sie darauf aufwenden müssen, wird leider nicht anerkannt, sondern es wird ihnen als Versagen angekreidet, dass sie nicht “flüssig” sind in dieser Fremdsprache.

Leider wird in unserer Gesellschaft oft erwartet, dass alle “stromlinienförmig” sind. Autistische Menschen ecken dann an. Wenn wir die Eigenarten unserer Mitmenschen besser akzeptieren könnten, wäre das Leben für Menschen im Autismus-Spektrum deutlich stressfreier und sie könnten ihre Stärken viel besser ausspielen.

Online-Test

Viele Menschen im Autismus-Spektrum wissen nicht, dass sie autistisch sind. Deshalb bieten wir auf unserer Website einen Online-Test an, der zwar keine Diagnose stellen kann, aber einschätzen kann, ob eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum wahrscheinlich ist. Der Test ist anonym, kostenlos und wissenschaftlich validiert. In wenigen Minuten kannst du so einschätzen, ob eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum bei dir oder deinem Kind wahrscheinlich ist.

Buch: Geniale Störung. Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. Steve Silberman
Buch: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein - alles was weiterhilft. Tony Attwood
Buch: Von der Dose bis zur Arbeitsmappe. Ideen und Anregungen für strukturierte Beschäftigungen in Anlehnung an den TEACCH-Ansatz. Heike Salzbacher
Buch: Buntschatten und Fledermäuse. Mein Leben in einer anderen Welt. Axel Brauns
Über Autismus-Kultur

Autismus-Kultur hilft Menschen im Autismus-Spektrum und ihren Familien, glücklicher zu leben: Lösungen, Tipps und Praxiswissen für die Herausforderungen des Alltags, von autistischen Menschen erprobt.
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