Heilen, wo nichts zu heilen ist |
| Geschrieben von Rebecca Maskos | |
| Sonntag, 04 Mai 2008 | |
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Amanda Baggs steht mit dem Rücken zur Kamera, schaukelt ihren Oberkörper vor und zurück. Ihre Hände bewegen sich, als würden sie Wellen schlagen auf einer imaginären Wasseroberfläche. Man sieht eine Computertastatur, über die sie wieder und wieder mit der Handfläche streicht. Sie lässt ein Stück Papier vor der Kameralinse knistern, dreht einen Knauf einer Kommodenschublade, zieht einen Metalldraht über eine Türklinke, streicht mit ihrem Gesicht über ein geöffnetes Buch. Alles wird begleitet von ihrem monotonen, fast meditativen Summen. Was das Video so spektakulär macht, sind nicht allein die Aufnahmen ihrer repetitiven, scheinbar sinnlosen Bewegungen. Es ist der zweite Teil, dem Amanda Baggs den Titel Dass sie hochintelligent ist, hat sie schon oft bewiesen. In ihrem Video sieht man sie am Rechner sitzen und rasend schnell tippen, während der Sprachcomputer ihre eloquent formulierten Sätze übersetzt und quäkt. Auf ihrer Homepage und in Internetforen beschreibt sie, wie es ist, autistisch zu sein, kritisiert Medizin, Psychiatrie und Elternorganisationen. In einem Interview mit dem Magazin Wired zählt sie die Software-Programme auf, mit denen sie das Video produziert hat. Dennoch zweifeln Ärzte daran, dass sie das Video selbst gedreht und geschnitten hat. Sie lebt in einer betreuten Einrichtung für behinderte Menschen, täglich helfen ihr mehrere Assistenten bei der Körperpflege, beim Essen und Einkaufen. Amanda Baggs gehört einer wachsenden sozialen Bewegung von Autisten in den USA und weltweit an. Sie verstehen sich als Teil einer universellen neurologischen Vielfalt. Autismus liegt für sie auf einem Kontinuum vieler Wahrnehmungsformen, ihre Sprache verstehen sie als gleichberechtigt mit Laut- und Gebärdensprache. Kaum jemand von ihnen gilt als Das Gerede über ihre angebliche Genialität stört Für ihre Sicht auf Autismus als bloße Differenz zur Norm bekommen Alle Autisten haben Probleme, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Viele leben zurückgezogen in einer inneren Gedankenwelt, die um Dinge, Zahlen und Strukturen kreist. Als Ursache wird ein Gendefekt angenommen, bewiesen ist das aber noch nicht. Eine kleine Gruppe Neurologen beginnt nun, Autismus weder als Defizit zu beschreiben noch als Krankheit, die man heilen müsse. Das autistische Gehirn funktioniere einfach anders, meint zum Beispiel der Psychiater Laurent Mottron von der Universität Montreal. Er fand Ende der neunziger Jahre heraus, dass dem autistischen Gehirn zwar die Flexibilität fehle, um zwischen einzelnen Aufgaben hin- und herwechseln zu können, es das jedoch ausgleiche durch die Konzentration auf einzelne Fähigkeiten. Diese seien während seiner Entwicklung Michelle Dawson, eine Kollegin von Mottron, machte sich voriges Jahr mit einer neuen Studie daran, die Grundlagen der Intelligenzmessung bei Autisten infragezustellen. Viel zu oft würde der Wechsler-Intelligenztest eingesetzt, der sprachliche Fähigkeiten voraussetzt – genau hier aber haben Autisten die größten Probleme. Beim Bildertest Raven lagen die autistischen Probanden von Dawson und ihren Kollegen um rund 30 Prozentpunkte höher als beim Wechsler-Test und kletterten damit vom Level Kritiker wie der Kinderpsychiater Fred Volkmar von der Yale University wenden ein, dass solche Theorien die praktischen Folgen von Autismus verleugneten. Wer nicht für sich selbst sorgen könne, sich vielleicht sogar selbst verletze, wie es viele Autisten in Stresssituationen tun, der lebe mit einem fundamentalen Mangel an Intelligenz. Elterngruppen fürchten, die Akzeptanz der neuen Sichtweise könne den Staat dazu verleiten, die Behandlung und Betreuung ihrer autistischen Kinder nicht mehr finanziell zu unterstützen. Von einer Akzeptanz des Autismus scheint zumindest die US-amerikanische Gesellschaft indes weit entfernt zu sein. Seit den neunziger Jahren ist die Zahl der als autistisch Diagnostizierten in den USA rasant angestiegen. Galten vor 1990 noch rund fünf von 10 000 Kindern als autistisch, sind es dem US-Magazin Time zufolge derzeit 60 von 10 000. Autismus sei eine Epidemie, die außer Kontrolle geraten ist, warnen Eltern und fordern von der Regierung mehr Forschung und Prävention. Die Warum die Zahl der Autismusfälle in den USA so rapide zugenommen hat, ist bisher nicht geklärt. Eine ähnlich drastische Steigerung scheint es in anderen Ländern nicht zu geben. Da Forscher noch darüber rätseln, was Autismus überhaupt verursacht, werden immer neue Theorien in Umlauf gebracht. Die Bandbreite reicht von Darmerkrankungen, Quecksilberschädigungen und Vitaminmangel bis hin zu Impfschäden. Schon häufiger wurde über Autismus auslösende Zusatzstoffe in Säuglingsimpfungen spekuliert, Wissenschaftler konnten diese Theorie aber widerlegen. Kurios sind Spekulationen über ein kalifornisches Wenigstens zum Teil scheint die Ursache des Anstiegs zu sein, dass Autismus schlicht zu einer Modediagnose geworden ist. Die wissenschaftliche Definition ist mittlerweile derart erweitert worden, dass Kinder, die früher noch als Sonderlinge durchgingen, nun viel leichter als Was auch immer der Grund dafür ist, dass er nicht mehr als seltene, mysteriös erscheinende Krankheit gilt – der Autismus scheint ein Paradebeispiel dafür zu werden, wie leicht sich eine Behinderung diskursiv konstruieren und mystifizieren lässt. Aktivistinnen wie Amanda Baggs wird dieses neue Augenmerk auf Menschen wie sie nicht freuen. Ihre Lebensrealität scheint weiter denn je davon entfernt zu sein, endlich verstanden zu werden.
Dieser Artikel von Rebecca Maskos erschien in der Jungle World Nr. 17 vom 24. April 2008. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlichen wir ihn auch hier. |
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