Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Täter und Opfer oder Für wen gilt das Grundrecht auf Leben?

Colin Müller, M.A.

In memoriam: LiamAutisten werden kritisiert für alles, was sie tun und für alles, was sie nicht tun, für alles, was sie sagen und für alles, was sie nicht sagen. NT-Eltern hingegen werden kaum kritisiert, wenn sie ihr autistisches Kind ermorden.

So geschieht es zur Zeit im Fall der “Steffi B.”, die ihre fünf Kinder ermordet hat. Die Gründe, warum sie ihre Kinder umgebracht hat, kennen wir nicht und die Journalisten kennen sie nicht. In den Medien wird an dieser Stelle stereotyp darauf verwiesen, dass eines ihrer Kinder autistisch war. Damit wird ein impliziter Zusammenhang zwischen dieser Aussage und der Tatsache, dass sie (alle) ihre Kinder umgebracht hat, hergestellt. Mehr noch, mit dieser “Erklärung” wird ihr Verhalten gerechtfertigt; der Gedankengang ist der, dass ein autistisches Kind das Schlimmste wäre, was einer Mutter passieren könnte, und dass es deshalb verständlich wäre, die Kinder zu ermorden und dann für sich selbst den Tod zu wählen.

Selbst in Teilen der Autisten-Community finden solche Verdrehungen der Täter-Opfer-Konstellation, solche Rechtfertigungen eines Mordes aufgrund der Tatsache, dass eines der Kinder autistisch war, Unterstützung, sogar bei einem Vorstandsmitglied von Aspies e.V., einer Organisation, die sich als “Interessensvertretung autistischer Menschen” versteht. Wie will Aspies e.V. die Interessen autistischer Menschen vertreten, wenn dort stattdessen ihre Mörder bemitleidet werden? In einem Forumsbeitrag ging es um überforderte Mütter autistischer Kinder; autistische Kinder tauchen darin nur als Quelle der Überforderung auf. Schließlich wird die Frage gestellt: Angenommen Aspies e.V. erfährt von einem Fall, in dem eine Mutter eines autistischen Kindes offenbar überfordert ist – was könnten wir da konkret tun? Das hier ist natürlich ein Extremfall, aber auf der anderen Seite gibt es offenbar auch genügend Eltern von Autisten, die keine ausreichende Unterstützung erhalten und alleingelassen werden. Eure Meinung dazu würde mich mal interessieren.

Die Frage hieß nicht: “Was kann Aspies e.V. für autistische Kinder tun, die durch ihre Eltern in psychischer und körperlicher Gesundheit und ihrem Leben bedroht sind?” Welche Antworten man bekommt, hängt von der Fragestellung ab.

Liegt der Schwerpunkt darauf, dass alle Mütter von autistischen Kindern ein furchtbar schweres Schicksal haben, weil ihre Kinder autistisch sind; weil die Gesellschaft ihnen dieses “Schicksal” nicht abnimmt; weil sie nicht genug Geld bekamen, um ihr Kind zu einer “Delfintherapie” zu schicken?

Oder liegt der Schwerpunkt darauf, dass manche Eltern, aus welchen Gründen auch immer, für ihre Kinder eine Lebensgefahr darstellen und man darüber nachdenken muss, wie man solche Eltern erkennt und wie man ihre Kinder vor ihnen schützen kann (d.h. in einem Kinderheim oder bei Pflegeeltern unterbringen kann)?

Bei sogenannten “normalen” Kindern wird letztere Frage diskutiert. Bei autistischen Kindern erstere.

Der Mythos (und die Rechtfertigung), Eltern würden ihre autistischen Kinder töten, weil sie mit ihnen überfordert wären, entbehrt jeglicher Grundlage: es gibt viele Eltern, die mit ihren nichtautistischen Kindern überfordert sind, eine mögliche Überforderung ist also nicht spezifisch für die Eltern autistischer Kinder. Die allermeisten dieser Eltern bringen ihre Kinder nicht um – eine Überforderung führt also nicht dazu, dass Eltern ihre Kinder ermorden. Zudem würde in ähnlichen Fällen (z.B. bezüglich der Mutter von Katie McCarron) ebenfalls eine solche Überforderung behauptet, dies hat sich aber als völlig haltlos erwiesen.

Der entscheidende Punkt aber ist, dass eine Überforderung der Eltern nichtautistischer Kinder in den Medien wohl kaum so ohne Grundlage postuliert werden würde, und dass sie vor allem nicht zur Rechtfertigung der Tat benutzt werden würde.

In einem scheinen sich alle einig zu sein: in normalen Familien kann und darf “so etwas” nicht passieren. Deshalb muss schleunigst eine Erklärung her, eine Begründung, warum diese Familie unnormal war, um damit gleichzeitig die Normalität (scheinbar) wiederherzustellen. Neben dem Verweis auf das autistische Kind Liam fungieren auch Bemerkungen bezüglich der Abweichung von der “Normalfamilie” (“eine Mutter, zwei Väter, fünf Kinder”) sowie die Zuschreibung der Mutter als “psychisch krank” in dieser Weise (nachdem in den Artikeln ausdrücklich (enttäuscht?) festgestellt wurde, dass die Familie nicht von Sozialleistungen lebte, dies also nicht zur Erklärung herangezogen werden könne.

Der Bezug auf Autismus allerdings unterscheidet sich von anderen Erklärungsversuchen: Auf der Suche nach einer Ursache wird das autistische Kind mit den Sünden der Familie in die Wüste geschickt. Warum wird die Ursache für einen Mord in der Persönlichkeit eines der Opfer gesucht? Das entspricht der viel kritisierten Argumentationsweise, dass Frauen, die einen kurzen Rock tragen, selbst schuld sind, wenn sie vergewaltigt werden. Gilt das Grundrecht auf Leben und Unversehrtheit der Person nur für manche Menschen?

Vermutlich ist das der Fall. Joel Smith hat sich einige Fälle angesehen, in denen Eltern ihre autistischen Kinder ermordeten, und mit solchen verglichen, in denen nichtautistische Kinder von ihren Eltern ermordet wurden. Fazit: der Mord an autistischen Kinder wurde wesentlich milder bestraft (kürzere Strafdauer oder Aussetzung der Strafe zur Bewährung). Eine umfassendere Untersuchung steht noch aus; es gibt jedoch solche Untersuchungen in Bezug auf andere Dominanzverhältnisse (z.B. race), bei denen ein entsprechendes Ergebnis herauskam.

Wenn sich – durch Medienberichte und sogar durch Aussagen einzelner Autist_innen – ein gesellschaftlicher Konsens herausbildet, welcher besagt, dass es gerechtfertigt ist, autistische Kinder zu töten, dann werden solche Morde vermutlich tatsächlich häufiger vorkommen. Das ist die große Gefahr, die in solchen Aussagen liegt.

In memoriam – die fünf Kinder der Familie B., inbesondere Liam.

Liam – wir konnten dich nie kennenlernen, dich nie als Mitglied unserer Community willkommen heißen. Wir trauern um dich.

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