Täter und Opfer oder Für wen gilt das Grundrecht auf Leben? |
| Geschrieben von Colin | |
| Freitag, 07 Dezember 2007 | |
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Autisten werden kritisiert für alles, was sie tun und für alles, was sie nicht tun, für alles, was sie sagen und für alles, was sie nicht sagen. NT-Eltern hingegen werden kaum kritisiert, wenn sie ihr autistisches Kind ermorden. So geschieht es zur Zeit im Fall der "Steffi B.", die ihre fünf Kinder ermordet hat. Die Gründe, warum sie ihre Kinder umgebracht hat, kennen wir nicht und die Journalisten kennen sie nicht. In den Medien wird an dieser Stelle stereotyp darauf verwiesen, dass eines ihrer Kinder autistisch war. Damit wird ein impliziter Zusammenhang zwischen dieser Aussage und der Tatsache, dass sie (alle) ihre Kinder umgebracht hat, hergestellt. Mehr noch, mit dieser "Erklärung" wird ihr Verhalten gerechtfertigt; der Gedankengang ist der, dass ein autistisches Kind das Schlimmste wäre, was einer Mutter passieren könnte, und dass es deshalb verständlich wäre, die Kinder zu ermorden und dann für sich selbst den Tod zu wählen.
Selbst in Teilen der Autisten-Community finden solche Verdrehungen der Täter-Opfer-Konstellation, solche Rechtfertigungen eines Mordes aufgrund der Tatsache, dass eines der Kinder autistisch war, Unterstützung, sogar bei einem Vorstandsmitglied von Aspies e.V., einer Organisation, die sich als "Interessensvertretung autistischer Menschen" versteht. Wie will Aspies e.V. die Interessen autistischer Menschen vertreten, wenn dort stattdessen ihre Mörder bemitleidet werden? In einem Forumsbeitrag ging es um überforderte Mütter autistischer Kinder; autistische Kinder tauchen darin nur als Quelle der Überforderung auf. Schließlich wird die Frage gestellt:
Liegt der Schwerpunkt darauf, dass alle Mütter von autistischen Kindern ein furchtbar schweres Schicksal haben, weil ihre Kinder autistisch sind; weil die Gesellschaft ihnen dieses "Schicksal" nicht abnimmt; weil sie nicht genug Geld bekamen, um ihr Kind zu einer "Delfintherapie" zu schicken?
Der Mythos (und die Rechtfertigung), Eltern würden ihre autistischen Kinder töten, weil sie mit ihnen überfordert wären, entbehrt jeglicher Grundlage: es gibt viele Eltern, die mit ihren nichtautistischen Kindern überfordert sind, eine mögliche Überforderung ist also nicht spezifisch für die Eltern autistischer Kinder. Die allermeisten dieser Eltern bringen ihre Kinder nicht um - eine Überforderung führt also nicht dazu, dass Eltern ihre Kinder ermorden. Zudem würde in ähnlichen Fällen (z.B. bezüglich der Mutter von Katie McCarron) ebenfalls eine solche Überforderung behauptet, dies hat sich aber als völlig haltlos erwiesen.
In einem scheinen sich alle einig zu sein: in normalen Familien kann und darf "so etwas" nicht passieren. Deshalb muss schleunigst eine Erklärung her, eine Begründung, warum diese Familie unnormal war, um damit gleichzeitig die Normalität (scheinbar) wiederherzustellen. Neben dem Verweis auf das autistische Kind Liam fungieren auch Bemerkungen bezüglich der Abweichung von der "Normalfamilie" ("eine Mutter, zwei Väter, fünf Kinder") sowie die Zuschreibung der Mutter als "psychisch krank" in dieser Weise (nachdem in den Artikeln ausdrücklich (enttäuscht?) festgestellt wurde, dass die Familie nicht von Sozialleistungen lebte, dies also nicht zur Erklärung herangezogen werden könne.
Vermutlich ist das der Fall. Joel Smith hat sich einige Fälle angesehen, in denen Eltern ihre autistischen Kinder ermordeten, und mit solchen verglichen, in denen nichtautistische Kinder von ihren Eltern ermordet wurden. Fazit: der Mord an autistischen Kinder wurde wesentlich milder bestraft (kürzere Strafdauer oder Aussetzung der Strafe zur Bewährung). Eine umfassendere Untersuchung steht noch aus; es gibt jedoch solche Untersuchungen in Bezug auf andere Dominanzverhältnisse (z.B. race), bei denen ein entsprechendes Ergebnis herauskam. Wenn sich - durch Medienberichte und sogar durch Aussagen einzelner Autist_innen - ein gesellschaftlicher Konsens herausbildet, welcher besagt, dass es gerechtfertigt ist, autistische Kinder zu töten, dann werden solche Morde vermutlich tatsächlich häufiger vorkommen. Das ist die große Gefahr, die in solchen Aussagen liegt. In memorian - die fünf Kinder der Familie B., inbesondere Liam. Liam - wir konnten dich nie kennenlernen, dich nie als Mitglied unserer Community willkommen heißen. Wir trauern um dich. |
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