Mehr zur Epidemiologie von Autism Speaks |
| Geschrieben von Michelle Dawson | |
| Dienstag, 11 November 2008 | |
Seit ich das letzte Mal über die Epidemiologie von Autism Speaks schrieb, gab es auf der Website von Autism Speaks zwei Änderungen. Siehe hier und hier und vergleiche mit dem Originaltext hier. Es gab keine weiteren Änderungen, und Autism Speaks hat seine Epidemiologie in Pressemitteilungen und in den Medien dargelegt. Die Epidemiologie von Autism Speaks lässt sich daher wie folgt zusammenfassen:
Die Prävalenz aller Autismus-Spektrum-Störungen zusammen beträgt 6,7 Fälle pro 1000 Kinder.Eine Prävalenz von 6,7 pro 1000 ergibt 1 von 149 - oder ~1 von 150. Das ist die Zahl, die Autism Speaks propagiert. Wendet man eine 1 von 150 Prävalenz auf die 280 Millionen aus der Volkszählung von 2000 an, erhält man eine Zahl von 1,87 Millionen Autist_innen. Folgt man der Autism Speaks' Methode, die Zahlen auf die nächste halbe Million ab- oder aufzurunden, hätte man in den USA 2 Millionen Autist_innen. Woher kommt denn dann die 1 von 166 Prävalenz? Die von Autism Speaks angegebene Quelle, Bertrand et al. (2001), nennt diese Zahl nicht. Der Epidemiologie-Experte von Autism Speaks, Michael Rosanoff, hat mir mit der Information weiter geholfen, dass Autism Speaks für die Kalkulation seiner 1,5 Millionen nur die Zahlen aus den USA verwendet. Eigentlich erschien die 1 von 166 Zahl in der Literatur erstmals bei Chakrabarti und Fombonne (2001), und zwar als Schätzung, die auf Ergebnissen von drei epidemiologischen Studien basierte. Zwei waren britische Studien (Baird et al., 2000; Chakrabarti & Fombonne, 2001); die dritte ist die US-Studie, Bertrand et al. (2001), die eine ~1 von 150 Prävalenz nannte. Keine veröffentlichte US-amerikanische epidemiologische Studie gibt eine 1 von 166 Prävalenz an. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die wissenschaftliche Leiterin von Autism Speaks behauptet, es gebe eine hohe und stabile Autismus-Rate. Das ist eine wissenschaftlich vernünftige Position, aber sie wird, wie oben aufgezählt, von Autism Speaks durch und durch abgelehnt. Stattdessen verbreitet Autism Speaks weit und breit die Information, dass die Autismus-Prävalenz "sich im letzten Jahrzehnt verzehnfacht habe". Das heißt, vor 10 Jahren war die Autismus-Prävalenz 1 von 1500. Wenn das korrekt ist, dann gäbe es in den USA weniger als 500 000 Autist_innen. Wie viel weniger hängt davon ab, was vor Beginn dieser 10 Jahre passierte und wie plötzlich der Sprung von 1 von 1500 zu 1 von 150 war. Gleichzeitig basiert die Epidemiologie von Autism Speaks auf drei US-amerikanischen Studien. In der Studie von Bertrand et al. (2001) waren die Kinder zwischen 1988 und 1995 geboren. Alle hätten vor 10 Jahren als autistisch diagnostiziert werden können, und die Prävalenz in dieser Population betrug ~1 von 150, wie man fand. In den später publizierten CDC Studien (ADDMN, 2007a, b), hervorgehoben von Autism Speaks, handelt es sich um Kinder, die in den Jahren 1992 und 1994 geboren sind. Wieder hätten alle vor 10 Jahren eine Autismus-Diagnose erhalten können, und die Prävalenz in dieser Population war laut Bericht ~1 von 150. Also sind die Informationen von Autism Speaks bezüglich Autismus-Prävalenz weit davon entfernt, was in wissenschaftlicher Literatur berichtet wird. Insgesamt betrachtet: Autism Speaks behauptet, dass es in den USA weniger Autist_innen gibt, als es wirklich gibt. Wie viel weniger - das variiert enorm, je nachdem, welche der widersprüchlichen Zahlen von Autism Speaks herangezogen werden. Und das Ende vom Lied ist in erster Linie ein Leugnen des Lebens und der Existenz älterer Autist_innen. In seiner internationalen Kampagne "Sie existieren nicht" verweigert Autism Speaks älteren Autist_innen - weltweit - Anerkennung, Rechte, eine Stimme, die Sorte basaler Unterstützung, auf die sich Nichtautist_innen verlassen können, etc. Diese unwissenschaftliche und unethische Praxis ist ein Kennzeichen der Autismus-Lobby. Autism Speaks negiert die Existenz der meisten autistischen Erwachsenen und einer großen Anzahl autistischer Kinder. Um dieses erstaunliche Kunststück zu vollbringen, dieses Verschwinden von Autist_innen in den USA und auf der ganzen Welt, verbreitet Autism Speaks weit und breit falsche, unwissenschaftliche Information über autistische Menschen. Diese Falschinformation kommt zum Einsatz, um Gelder zu beschaffen und die öffentliche Politik den Zielen von Autism Speaks entsprechend zu verändern. An die Konsequenzen für Autist_innen wird kein Gedanke verschwendet. Autism Speaks sendet eine mächtige Botschaft, dass Forschungsergebnisse - für deren Finanzierung Autism Speaks Geld auftreibt - auf betrügerische Weise verdreht und verworfen werden sollen, wenn diese Ergebnisse unbequem werden und sich der Führung der Autismus-Lobby wie Autism Speaks in den Weg stellen. Autism Speaks zufolge sollen auch die Leben von Autist_innen verworfen werden, wenn sie im Weg sind. Literatur: Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network Surveillance Year 2000 Principal Investigators; Centers for Disease Control and Prevention. (2007a). Prevalence of autism spectrum disorders--autism and developmental disabilities monitoring network, six sites, United States, 2000. MMWR Surveillance Summaries, 56, 1-11. Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network Surveillance Year 2002 Principal Investigators; Centers for Disease Control and Prevention. (2007b). Prevalence of autism spectrum disorders--autism and developmental disabilities monitoring network, 14 sites, United States, 2002. MMWR Surveillance summaries, 56, 12-28. Baird, G., Charman, T., Baron-Cohen, S., Cox, A., Swettenham, J., Wheelwright, S., & Drew, A. (2000). A screening instrument for autism at 18 months of age: a 6-year follow-up study. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 39, 694-702. Bertrand, J., Mars, A., Boyle, C., Bove, F., Yeargin-Allsopp, M., & Decoufle P. (2001). Prevalence of autism in a United States population: the Brick Township, New Jersey, investigation. Pediatrics, 108, 1155-61. Chakrabarti, S., & Fombonne, E. (2001). Pervasive developmental disorders in preschool children. JAMA, 285, 3093-9. [Erklärung zum Interessenskonflikt: Ich bin Mitglied einer Forschungsgruppe, die - zusammen mit anderen Finanzierungsquellen - eine Förderung von Autism Speaks erhält.]
Originaltext: More Autism Speaks epidemiology |
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